Mit HIV zum Zahnarzt: Kein Märchen für die Zahnfee…


Nein er hat nicht gebohrt. Auch dieses Mal wieder nicht. Ich habe eine sehr gütige Zahnfee: Denn mit meinen knapp vierzig Jahren – die sich mehr nach knapp über zwanzig anfühlen (Widerspruch/Kommentare zu diesem Thema werden gelöscht 😉 – verschont sie mich noch immer vor diesen schrecklicken Instrumenten und Bohrern die in Griffweite meines Zahnarztes auf einem schnell herklappbaren Tischchen angsteinflößend auf ihren Einsatz warten.

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Ob es am guten Zähneputzen liegt oder schlicht an einer erblichen Veranlagung kann ich nicht sagen – aber bisher konnte in meinem Leben noch kein Zahnarzt mit mir wirklich Geld verdienen. Mein Vater redete als Kind mir immer ein, er könne mittels einer Videokamera im Bad mich beim Zähneputzen beobachten. Sollte mich natürlich nur zum tatsächlichen putzen animieren. Und war natürlich nur ein Spaß. Dennoch frage ich mich manchmal was heute wohl passieren würde, wenn ein Kind im Kindergarten erzählt „Mein Papa hat im Bad eine Videokamera mit der er mich beim Zähneputzen beobachtet.“ Ich glaube das kommt nicht mehr gut an. Da kommt heute statt der Zahnfee die SOKO Kinderschutz und stürmt das Haus.

Wäre damals sicher auch lustig gewesen, habe ich aber versäumt. Nichts desto trotz hat diese schwarze Pädagogik wohl dazu geführt, dass ich immer ordentlich die Zähne geputzt habe. Schöne Zähne, keine Probleme beim Zahnarzt. So war das immer.

Bis ich meine HIV-Diagnose bekam und meinen Zahnarzt – damals noch in Augsburg – mit gleicher Offenheit über diese Infektion begegnet bin, wie der ganzen Welt heute mit diesem Blog.

HIV & Zahnärzte – das ist seit jeher eine eher bissige Verbindung. Mangels Wissen berichten mir auch in der Präventionsarbeit immer noch viele Positive von Schwierigkeiten beim Zahnarztbesuch. Da gibt es Fragebögen in denen vorab nach der Infektion gefragt wird, da gibt es plötzlich keine freien Termine mehr oder man wird mit dem Hinweis auf besondere Desinfektion auf das Ende der Sprechzeit terminiert. Sicherheitshalber erst kommen, wenn der letzte HIV-freie Patient schon weg ist.

Hier sind die Top 5 der Probleme beim Zahnarzt für HIV-Positive:

  • Sie erhalten beim Arzt oder Zahnarzt keinen Termin. Einem Fünftel der Befragten beim „HIV-Stigma-Index“ war in den zwölf Monaten vor der Befragung eine medizinische Behandlung verweigert worden.
  • Oft erhalten HIV-Positive nur den letzten Termin am Tag. Begründung: Nach ihrem Besuch seien besondere Desinfektionsmaßnahmen erforderlich.
  • Die HIV-Infektion wird nicht immer vertraulich behandelt, z.B. gegenüber anderen Patienten.
  • Krankenakten werden manchmal mit von außen sichtbaren Vermerken gekennzeichnet.
  • Bestimmte Maßnahmen (z.B. Operationen oder Entbindungen HIV-positiver Frauen) werden nicht durchgeführt, weil das Personal nicht ausreichend über HIV informiert ist.

Auch in meiner früheren Heimat Augsburg hatte ich mit derartigen Problemen zu kämpfen. Das sind Tatsachen die wir so nicht hinnehmen dürfen – hier geht’s um Stigmatisierung.

Deswegen möchte ich an dieser Stelle jeden auf die

Kontaktstelle zu HIV-bedingter Diskriminierung
Kerstin Mörsch
Deutsche AIDS-Hilfe e.V.
Wilhelmstr. 138
10963 Berlin
Telefon: 030 690087-67 (Bürozeiten: Mo, Di und Fr, 9–15 Uhr)
E-Mail: gegendiskriminierung@dah.aidshilfe.de.

aufmerksam machen. Kerstin Mörsch dokumentiert derartige Fälle, vermittelt, klärt auf und hilft und macht somit diese Welt ein kleines Stückchen besser – jeden Tag.

„Für eine stigmatisierende Sonderbehandlung gibt es keinen vernünftigen Grund. Wenn die normalen Hygienevorschriften eingehalten werden, ist eine HIV-Übertragung im medizinischen Alltag ausgeschlossen. HIV-positive Patienten können behandelt werden wie alle anderen. Medizinisches Personal sollte das wissen und mit gutem Beispiel vorangehen“, meint auch Dr. med. Georg Behrens, Präsident der Deutschen AIDS-Gesellschaft (DAIG).

Auch die Bundeszahnärztekammer hat die Schwierigkeiten längst erkannt und hilft mit ihre Zahnärzte aufzuklären. Doch obwohl das Problem nicht neu ist, scheint die Diskriminierung nur sehr langsam aus den Behandlungszimmern von einigen Zahnarztpraxen zu verschwinden.

Umso wichtiger ist es auch mal zu sagen wo es so richtig gut läuft – zum Beispiel bei meinem Zahnarzt Dr. Jens Ude in Berlin. Das kleine Team ist hochprofessionell – HIV ist dort kein Thema, der Patient steht im Mittelpunkt – egal mit welchem HIV-Status.

Wer in Berlin noch einen Zahnarzt braucht – meine Empfehlung:

www.zahnarztpraxis-ude.de

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In der Hoffnung das HIV & Zahnärzte hoffentlich in der Zukunft kein Thema mehr ist über das man schreiben muss, widme ich mich jetzt mal kurz dem Packen für die Positiven Begegnungen 2016 in Hamburg – morgen geht’s da los.

Und sicherheitshalber putze ich gleich nochmal die Zähne, wer weiß ob Papa nicht vielleicht doch zuschaut. Derartige Erziehungsmethoden machen zwar schöne, weiße Zähne aber eben auch eine Paranoia 😉

Irgendwie wäre mir da die Zahnfee lieber gewesen…

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