Mein Weihnachten war gestern


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Ja, ich weiß – Blogs sollen und müssen um besonders erfolgreich zu sein thematisch sein, strukturiert, sich einem festen Thema verpflichtend. Mein Blog versucht dies mit der großen und spannenden Welt von HIV/Aids – großen Neuerungen in der Forschung und kleinen Geschichten über HIV-positive Menschen wie du und ich.

Heute jedoch bitte ich um Akzeptanz für eine Ausnahme: Eine Ausnahme die ich den beiden Schutzengeln widme – von denen mir an dieser Stelle vollkommen gleich ist, ob sie männlich, weiblich oder keines von beidem sind, ob sie eine schwule Identität haben oder als Trans-Engel glücklich sind, ob sie schwarze, rote oder weiße Haut haben und ob sie große oder kleine Flügel tragen.

Fakt ist: Mein Freund Tom und ich hatten gestern Abend zwei krass-coole Schutzengel*innen.

Wir wohnen in Berlin am Wittenbergplatz – nahe dem KaDeWe – und rund 400 Meter entfernt von dem Ort, an dem gestern ein Mensch versucht hat, die Leben vieler anderer auszulöschen und die Wertevorstellung einer ganzen Gesellschaft damit ins Wanken zu bekommen.

Nahezu jeden Abend sind Tom und ich in der Vorweihnachtsfeier auf genau jenem Markt vor unserer Haustür am Breitscheidplatz, den jetzt nahezu die ganze Welt kennt. Wir sind begeisterte Cineasten und gehen fast täglich ins Kino. In der Adventszeit fast nie ohne die in unseren Augen beste Feuerzangenbowle von ganz Berlin – auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

Genau das hatten wir auch gestern vor.

Gegen 19.30 Uhr schrieb ich Weihnachtskarten und Tom verkabelte unsere Stereoanlage neu. Und wenn Tom etwas macht, dann gründlich. Das kostet mich Hektiker zwar manchmal den letzten Nerv, rettete uns beiden aber gestern Abend das Leben.

Tom liebt Musik. Die Ausrichtung von Boxen ist eine Wissenschaft die ich nicht begreifen werde und die Tom perfekt beherrscht – genau diese Detailliebe dieses wunderbaren Menschen, diese rechte vordere Box mit deren Klang Tom gestern nach dem Umbau noch nicht zufrieden war, verzögerte unser Fortkommen.

Dies also ist ein Appell für die Geduld, die Liebe zum Detail, die Genauigkeit in einer Welt die sich scheinbar immer schneller dreht.

Es ist ein Appell an die leisen Töne – die  jedes Weihnachtsfest ummanteln sollten.

Manchmal ist die Genauigkeit, die Sorgfalt und die Liebe zum Detail der wirklich entscheidende Wert, an dem unsere Gesellschaft mehr festhalten sollte.

Unsere beider Schutzengel konnten gestern Schritt halten mit unserem Tempo – dank Tom. Unser Weihnachten war gestern und es war das Weihnachten mit dem größten Geschenk, dass wir beide jemals bekommen haben nach unserer gegenseitigen Liebe.

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Viele andere Menschen hatten dieses Glück gestern um 20.04 Uhr leider nicht. Im Getränkemarkt erzählte mir heute der Verkäufer, dass sein Freund es nicht geschafft habe. Und unsere Nachbarin konnte – wie wahrscheinlich viele – kaum schlafen letzte Nacht und zittert:

Sie ist vor dem Lastwagen davon gelaufen, der sie beim Besuch des Weihnachtsmarkts mit Arbeitskolleg*innen in überraschte.

 

Heute waren Tom und ich erneut am Breitscheidplatz, nichts steht mehr von der Bude mit der besten Feuerzangenbowle, eine gespenstische Stille liegt auf dem Platz unterhalb der Gedächtniskirche, die allein ja schon Mahnmal genug für Terror und Krieg darstellt.

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„Meinen Hass bekommen sie nicht“ sagte Tom heute beim Frühstück zu mir – ein Satz der nach dem beispiellosen Umgang eines Hinterbliebenen in Frankreich um die Welt ging. Und er hat recht: Wenn wir nun beginnen wieder pauschal über Menschen zu sprechen, die unseren Schutz bedürfen, wenn wir Herkunft und Religion mit Vorurteilen und Stigmatisierung begegnen, wenn Menschen die sich für Menschen einsetzen anfangen an ihrem Handlen zu zweifeln – dann ist der schreckliche Anschlag in Berlin ein voller Erfolg.

Diesen werden wir dem oder den Täter*innen nicht gönnen – nicht heute und nicht morgen. Nicht wenn nochmal etwas passiert oder noch zehn Mal. Wenn Hass diese Welt regiert, dann wird dies nicht unserer sein.

Und so bleibt an diesem vollkommen themaverfehlten – weil ohne HIV/Aids auskommenden – Blogartikel nur ein leiser, bescheidener Rat: Begnet dieser wunderbaren Welt mit Liebe, Akzeptanz und Mitgefühl – nicht nur an Weihnachten.

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