Wer hats erfunden?


blog-faceDa ist er wieder: Welt-AIDS-Tag 2017. Rote Schleifen gegen das Vergessen, Spendengeldaquise für den guten Zweck und Betroffenheit zum Nulltarif.

Und pünktlich wie „Dinner for one“ beglückt die gerührte Fernsehnation morgen um 21.20 Uhr ein Privatsender mit Philadelphia – inzwischen im 15ten Jahr seit Drehschluss: halleluja!

„Noch immer ist kein Mittel gegen AIDS erfunden worden“, mahnte gestern die Darsteller_in im Varieté Wintergarten nach der Vorstellung und verband die Dramatik des Moments mit dem gut gemeinten Aufruf beim Gehen, doch etwas für die Aktion „Künstler_innen gegen AIDS“ zu spenden. So funktioniert Spendenaquise eben am Besten: Drama gegen Kohle – da ist es ganz gleich um was es geht: Hungersnot oder HIV.

Natürlich: Es ist toll, dass derartige Initiativen dazu beitragen, Organisationen zu unterstützen die sich für Menschen mit HIV engagieren. Als Positiver, der das große Glück hat in Deutschland unter wirksamer Therapie zu sein, wünsche ich mir jedoch vor allem eines:

Weniger Vorurteile, weniger Diskriminierung, weniger Stigmatisierung.

Alle drei Punkte zählen in einem Land wie Deutschland zu den Hauptsorgen mit denen HIV-Positive sich auseinandersetzen müssen: Da ist der eigene Vater der nach dem zwanzigsten Erklären der Übertragunswege noch immer nicht vom gleichen Teller probiert, die Zahnärzt_innen denen man im Jahr 2017 noch Informationsmaterial zu HIV zukommen lassen muss und die Frau die kürzlich bei einem Abendessen in einer Gruppe meinte: „Du bist der erste HIV-Positive, den ich kenne.“

Glaube ich nicht – ich bin vielleicht der erste, der es ihr offen ins Gesicht gesagt hat. So wie jemand der beiläufig erwähnt dass er eine Schilddrüsenunterfunktion hat. Die Frage ist doch: Wer spricht über seine Schilddrüsenunterfunktion beim ersten gemeinsamen Essen?

Niemand.

Wer sich jetzt fragt „wozu auch?“ erkennt das grundlegende Problem: Wir leben noch nicht in einer Gesellschaft in der wir über eine HIV-Infektion genaus unbekümmert sprechen können, wie über die Schilddrüse, die gestiegenen Cholesterinwerte oder den zu hohen Blutdruck.

Sollten wir aber. Denn wenn das gelingt, lösen sich einige der Hauptprobleme mit denen HIV-Positive leben: Vorurteile, Diskriminierung und Stigmatisierung brauchen allen voran Menschen die zu sich und ihrer Infektion stehen, darüber sprechen und aufklären, das Wisssen updaten und das Gegenüber beim Thema auf den neusten Stand bringt.

Wie wäre es also, wenn alle Positiven in Deutschland mal sagen „ich habs auch“ – quasi eine #metoo-Aktion für den HIV-Bereich?

Ich höre sie schon, die Kritiker mit Argumenten wie diesen:

  • Das kannst du nicht vergleichen: Metoo da gings um Vergewaltigung. HIV hat man sich ja selbst geholt.
  • Bestimmte Menschen können sich halt nicht outen – denk mal an die Folgen für die Arbeit und was die Kolleg_innnen dazu sagen.
  • Denk mal an die juristischen Folgen – da würde man sich doch glatt strafbar machen.

Alles Blödsinn natürlich – wir könnten das tun. Und einige von uns tun das auch: Voller Selbstbewusstsein und voller Engagement für Menschen die noch nicht so weit sind.

Wir nennen das Selbsthilfe – aus ihr entwuchsen sie alle: Die kleinen und große Organisationen des HIV-Bereichs, die Beratungsangebote, die Betreuungsangebote, die Aufklärungsarbeit in Schulen, die Prävention auf Partys und die vielen Plakate, die in diesen Tagen an den Litfasssäulen kleben.

Sie alle haben im Kern einen gemeinsamen Ursprung: Die HIV-Selbsthilfe.

Wir sollten das nicht vergessen – es sind nicht nur die Agenturen, Verbände und Sachbearbeiter_innen die diese Arbeit leisten – am Welt-AIDS-Tag und an den 364 übrigen Tagen des Jahres – es sind insbesondere die Menschen der HIV-Selbsthilfe, die zumeist ehrenamtlich für alle die kämpfen, denen unsere Gesellschaft noch nicht genügend Kraft gegeben hat, selbst für die eigenen Rechte und die Anforderungen an die Bedürfnisse einzutreten.

Wenn wir also gemeinsam am Welt-AIDS-Tag auf all das Vergangene zurückschauen, dann schaut genau hin, wer die Menschen waren, die diesen Erfolg geebnet haben.

Wer hats also erfunden? Richtig: die Menschen der Selbsthilfe!

 

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