PoBe: Wir sind normaler als die Normalen hier


Von wegen Sommerloch Рder August hat es in sich. Denn nach der Welt-AIDS-Konferenz in Amsterdam schließt der heißeste Monat des Jahres ab heute mit den Positiven Begegnungen (kurz: PoBe) in Stuttgart ab. Europas größte Selbsthilfekonferenz im HIV-Bereich findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Gleich zu Beginn bringt es die wunderbare Schirmfrau Laura Halding-Hoppenheit auf den Punkt:

„Wir sind normaler als die Normalen hier“

Die Stimmung auf der gerade stattgefundenen Eröffnungsfeier ist großartig.

Es ist ein gro√ües Familientreffen, mit dem Unterschied das sich hier anders als in anderen Gro√üfamilien die meisten m√∂gen ūüėČ Es ist sch√∂n, wenn sich alle zwei Jahre die Community hier wieder trifft, gemeinsam an Themen arbeitet, diskutiert und ein Zeichen f√ľr mehr Sichtbarkeit von HIV-Positiven Menschen setzt.

Schlimm genug, dass die Konferenz im Jahr 2018 immer noch n√∂tig ist – denn noch l√§ngst ist die Lebensrealit√§t f√ľr HIV-Positive Menschen gepr√§gt von Stigmatisierung, Diskriminierung und Ausgrenzung: das aktzeptieren wir nicht mehr.

„Wir sind √ľberall“ hei√üt der Slogan der diesj√§hrigen PoBe. Und in der Tat: Wir sind inzwischen √ľberall: in der Politik, in F√ľhrungspositionen, im Bett nebenan. Im KFZ-Gewerbe gleicherma√üen wie im Cockpit eines Flugzeugs: alle einst g√ľltigen Ausschl√ľsse in Berufen sind l√§ngst Geschichte: Mit HIV kann man alles werden.

Neben der beruflichen Sicht auf die Infektion bleibt aber immer noch die Frage: Wie gehen unsere Familien, unsere Freund_innen, unsere Partner_innen mit uns um. Wieviel Menschen hättten bedenklos Sex mit einem Menschen unter der Nachweisgrenze, der nicht mehr infektiös ist? Wie verbreitet ist das Wissen um die Nichtinfektiösität in der breiten Bevölkerung?

Leider immer noch sehr schlecht. Eine unglaubliche Prozentzahl an Befragten w√ľrde einen Menschen mit HIV nicht k√ľssen, nicht eine gemeinsame Toilette benutzen oder vom gleichen Teller essen: Die Diskriminierungserfahrungen, die wir tagt√§glich erleben, m√ľssen ein Ende haben.

Daf√ľr k√§mpfen wir gemeinsam als Community in den n√§chsten Tagen in Stuttgart. Ein Kampf, der nicht immer einfach ist und f√ľr den wier viel Kraft und Anstrengung ben√∂tigen um ihn physisch aber auch psychisch √ľberstehen zu k√∂nnen. Ich wei√ü von was ich rede: Mit dem heutigen Tag endet meine Amtszeit als PositHIVes Gesicht – einem besonderen Organ der Deutschen AIDS-Hilfe.

Die Menschen, die ich in diesem Gremium kennenlernen durfte, waren gro√üartig, emphatisch, voller Lebensenergie und Mut ihre Diagnose und Offenheit zum Wohl der Gemeinschaft einzusetzen. Dass das gro√üe Engagement von vielen Aktivist_inenn jedoch auch immer wieder an H√ľrden scheitert, das Grenzen von Au√üen gesetzt werden und Selbsthilfe nicht immer frei agieren kann, macht mich mehr und mehr fertig.

Im Rahmen der Positiven Begegnungen hier in Stuttgart wird der Film 120 bpm gezeigt – er beschreibt das atemberaubende Engagement der Act up Aktivist_innen in Frankreich zu Zeiten der gr√∂√üten AIDS-Krise in den 80er Jahren des letzens Jahrhunderst. Die Menschen und Akteure dieser Zeit sind mein gro√ües Vorbild: Sie waren frei vom Gef√ľhl angepasst agieren zu m√ľssen, frei von auferlegten Vorgaben des Wordings, frei von Abstimmungsprozessen mit beh√∂rdlich anmutendnen Strukturen.

Sie waren getrieben vom Tod der um sie herum alles vereinnahmte, was er in seine Finger bekommen konnte. Ihr Antrieb war purer Überlebenswille und die einzige Hoffnung bestand darin, die Pharmaindustrie dazu zu bringen, Medikamente die längst erforscht waren den Menschen zugänglich zu machen, die sie so dringend benötigten.

Daf√ľr hielten sie sich an keine Vorgaben, keine Auflagen, kein Absprachen: Sie schmissen Farbbeutel mit blutroter Farbe in die Konferenzr√§ume der Pharmaindustrie, sie st√ľrmten Kongresse, sie k√§mpten f√ľr ihr Recht zu leben.

Wenn ich diesen Film als Ma√üstab nehme,sind unsere Aktivit√§ten heute l√§cherlich und besch√§men mich. Wir haben an Antriebskraft verloren und gar nicht gemerkt wie wir St√ľck f√ľr St√ľck in ein Korsett von beh√∂rdlichem Wahnsinn gedr√§ngt wurden – aus Gr√ľnden von abh√§ngiger Finanzierung, aus der auferlegten Bevormundung von staatlichen Beh√∂rden die sich unserem Thema annahmen und der Tatsache heraus, dass unsere Freund_innen gl√ľcklicherweise mehr und mehr dem Tod von der Schippe sprangen.

Wir haben √ľberlebt – mit Virus und Dauermedikation. Wir sind die Gewinner_innen und dennoch nur noch ein Schatten unserer Vorreiter_innen vor denen ich heute zutiefst den Hut ziehe.

Die Selbsthilfe ist jedoch alles andere als am Ende. Sie ist lediglich in meinen Augen mitunter zu angepasst, zu bequem und zu wenig streitbar.

  • Ich w√ľnsche mir, dass wir uns da ein St√ľck bewegen. Nicht aus Sentimentalit√§t f√ľr fr√ľhere Zeiten, sondern aus purer √úberzeugung dass wir auch nach wie vor der Motor der HIV- und Aids-Arbeit sind.
    • Es ist an uns zu bennenen, was schief l√§uft.
      Es ist an uns zu fordern, was wir brauchen.
      Es ist an uns, wir selbst zu sein.

    Ich werde es versuchen: Hier auf den Positiven Begegnungen in Stuttgart aber auch danach.

    Zu oft habe ich mich in letzter Zeit √ľber die Funktion der Selbsthilfe ge√§rgert, √ľber mangelnde Unterst√ľtzung von Stellen die eigentlich f√ľr uns arbeiten sollten, statt wir f√ľr sie.

    Aber es ist eben vor allem zu allererst die Selbsterkenntnis: Wer, wenn nicht wir bestimmt was l√§uft. Und es ist viel Balsam f√ľr die HIV-Ativist_innenseele hier auf der PoBe so vielen Menschen zu begegnen in denen immer noch das Feuer brennt.

    Lassen wir dieses Feuer niemals zu einem unl√∂schbaren Brand werden, aber wenn n√∂tig, unter die √Ąrsche halten, die es sich mitunter viel zu bequem in ihren staatlich bezahlten Sesseln gemacht haben.

    Selbsthifle rockt. Immer noch. Auch 2018.

    Packen wirs gemeinasam an – wir sind schlie√ülich √ľberall. Und wenn die Selbsthilfe eins ist dann ganz bestimmt normaler als die Normalen hier. Da hast du absolut recht, liebe Laura.

    Selbsthilfe darf alles: laut sein, unangepasst sein, fordernd sein Рdenn schleßlich gehts um uns. Vielleicht wird es also Zeit, dass wir wieder mal anfangen, mit blutroten Farbbeutel um uns werfen, statt Angst zu haben einen HIV-Community-Aufkleber an die Toilettenwand des Maritim-Hotel zu kleben.

    Euer Flo

    Ich freue mich, wenn ihr meinem Blog folgt (unten rechts FOLGEN klicken) oder diesen Beitrag kommentiert bzw. teilt. Herzlichen Dank f√ľr eure Unterst√ľtzung. ‚̧ԳŹ

    Allgemein

    flosithiv View All →

    Ich bin HIV-Aktivist & Journalist, selbst HIV-positiv und ein optimistischer K√§mpfer und Berichterstatter in diesem Bereich. Mir ist wichtig mein pers√∂nliches Bild von der Infektion und der guten Therapie zu vermitteln – auch weil zur Bek√§mpfung von Stigmatisierung HIV-Positiver ein neuer, zeitgerechter Blick der Gesellschaft auf das Virus von N√∂ten ist. Ich engagiere mich f√ľr Menschen mit HIV, deren Lebenswelten und N√∂ten. Meine Zukunft ist positiv. So und so.

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