PoBe 2018: Was bleibt, ist Stärke.


Das waren sie also – die Positiven Begegnungen 2018 in Stuttgart. Europas größte Selbsthilfekonferenz hat in den vergangenen vier Tagen viel erreicht. Hunderte Menschen mit HIV debattierten, organisierten und feierten gemeinsam das was uns verbindet: den HIV-Status.

Während man an den Gesichtern der überraschten Stuttgarter Bevölkerung während der Demo immer noch ablesen konnte, in welchen Denkmustern die Allgemeinbevölkerung beim Thema HIV steckt, schaffte diese Konferenz bei den Teilnehmer_innen selbst vor allem eins: Empowerment.

Diese Stärkung des Miteinanders ist der Motor der Selbshilfestruktur. Alle zwei Jahre wird dieser überholt, geölt und neu zusammengesetzt – Menschen lernen sich kennen, die sonst nie etwas miteinander zu tun hätten und die der HIV-Status vereint: Frauen, People of color, Geflüchtete, Menschen mit Behinderung, Trans*- und Inter*-Menschen und eine ganze Menge Heteros – sie alle vereinen sich mit der großen Masse an schwulen Männern, und geben ein Stück weit Einblick in ihre Lebenswelt.

Das ist großartig und viel zu selten: Denn während vielfach die Community mit internen Spaltungen und gegenseitiger Ausgrenzung zu tun hat, zeigt die PoBe auch im 20. Jubiläumsjahr zu welcher gemeinsamen Power die Menschen fähig sind.

Dieser Zusammenhalt wird in Zeiten politischer Veränderungen mehr und mehr notwendig. Nur wenn es uns als HIV-Community gelingt, gemeinsam unsere Forderungen zu vertreten, entziehen wir Rechtspopulisten den Nährboden ihrer Argumentation.

Die Tage in Stuttgart beweisen: Es macht mehr Sinn, nach den auf der Hand liegenden Gemeinsamkeiten zu suchen, statt nach dem was uns vermeintlich trennt.

Die Community der HIV-positiven Menschen hat viel gemeinsam durchgestanden. Fast alle von uns haben geliebte Menschen, Freund_innen und Wegbegleiter_innen in den schlimmen Zeiten der 80er und auch noch Anfang der 90er Jahre verloren. Alle zwei Jahre wieder gedenken wir im Rahmen der PoBe an die Wegbegleiter_innen, die in den letzten zwei Jahren – zum Teil an den Spätfolgen ihrer Krankheitsgeschichte – nicht mehr bei uns sein können.

Inzwischen treffen wir uns glücklicherweise mehr auf Veranstaltungen wie dieser statt auf Beerdigungen – wir feiern das Leben und fordern die Rechte, die uns zustehen. Wir arbeiten an Themen und Konzepten mit welchen wir dem politischen Rechtsruck entgegentreten können, sprechen über die Herausforderungen die uns bei Ärzten, in unseren Familien und bei unseren Kindern in Zusammenhang mit HIV noch fordern und immer wieder über die großen Botschaften wie „Nicht nachweisbar = Nicht infektiös“.

Es wird noch eine Weile dauern, bis die Schreckensbilder der 80er Jahre dem Wissen von Übertragungswegen in der Allgemeinbevölkerung gewichen sind. Aber wir sind auf dem Weg dorthin schon ganz schön weit gekommen. Durch die Unterstützung von staatlicher Seite und Organisationen wie der Deutschen Aids-Hilfe und ihren Mitgliedsorganisationen aber allen voran durch das Engagement der vielen Menschen in der Selbsthilfe und im Ehrenamt.

Sie sind die Held_innen dieser Konferenz, egal mit welchem Einsatz sie sich beteiligt haben: ob an der Bar, beim Spendensammeln für die Konferenz, bei der Mithilfe in Workshops oder als Multiplikator_innen in ihrem Feld. Es ist immer noch nicht selbstverständlich, offen über seine HIV-Infektion zu sprechen. Nicht weil wir Scham empfinden, sondern weil die Gesellschaft uns beschämt.

Und wir sollten genau aufpassen, dass uns diese Stärke der Community nicht genommen wird: Weder von rechten Parteien noch von irgendeiner sonstigen vermeintlichen Macht. Mit viel Power und aufgeladenem Lebens-Akku treten die meisten von uns heute wieder die Heimreise an.

Morgen beginnt dann wieder der Alltag mit HIV – egal ob in der Arbeit, in der Schule, der Universität oder im Ruhestand. Die Medien werden erst wieder kurz vor dem Welt-Aids-Tag auf das Thema aufspringen – für uns Aktivist_innen ist das nicht genug. Wir kämpfen an jedem Tag für unsere Anliegen, für eine Veränderung in den Köpfen und für das erklärte Ziel: Null Diskriminierung. Das dies noch immer notwendig und längst nicht Realität ist, machten auch die vergangenen vier Tage deutlich: Letzter Termin beim Zahnarzt, offener Vermerk auf der Krankenakte, Kündigung durch Arbeitgeber_in, keine Einstellung im Polizeidienst.

Es sind die einzelnen Geschichten und Erfahrungen von Teilnehmer_innen, die dieser Konferenz den Treibstoff liefert, die sie braucht. Und es sind die Menschen selbst, die offen und geschützt in diesem Rahmen auf Andere treffen, die ihnen zuhören, verstehen und mitunter auch helfen.

Die HIV-Community hat einen großen Rucksack an Ballast zu tragen – prall gefüllt mit traumatischen Erlebnissen, Verlusten, Zurückweisung, Diskriminierung und jeder Menge Stigma. Die PoBe ist der richtige Ort gemeinsam in diesen Rucksack zu schauen, auszusortieren und uns etwas vom Ballast zu befreien. Dafür ein herzliches Dankeschön allen, die mitgeholfen haben.

Und wenn ab morgen jede_r in seinem Umfeld nur einer Person pro Woche von N = N erzählt, dann erreicht diese Botschaft doch noch rechtzeitig vor der nächsten PoBe die Masse der Menschen. Es ist wie immer: es startet mit uns. Legen wir los!

Danke an meinen Schatz Thomas für all die Bilder, die Videos und den Schnitt!

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