Dankbar 40. Kein Grund zur Midlife-Crises.


Flo40

Langsam lässt der vom Wasserdampf des durch viel zu heißen Duschens entstandene Schleier über meinem Badspiegel die ersten Züge meines frischgebackenen 40jährigen Gesichts erkennen. Wird der sich mit bietende Blick meines vertrauten Gegenübers erste Zeichen der neuen Dekate aufweisen? Ich kann nicht warten und wische mit einem Handtuch den Spiegel trocken.

Nichts! Keine Spuren zu erkennen – alle Falten waren gestern schon da. Keine dramatischen Veränderungen in der durch zu häufiges Lachen ohnehin schon strapazierten Augenregion. Erleichterung.

Gestern bin ich 40 Jahre geworden. Damit eröffnen sich drei neue Möglichkeiten in meinem Leben: Ich bin wählbar zum Richter am Bundesverfassungsgericht, kann zum Bundespräsidenten oder zum bayerischen Ministerpräsidenten gewählt werden – was ungefähr aufs Gleiche rauskommt, zumindest in der Wahrnehmung der bisherigen bayerischen Amtsträger.

Nach kurzer Überlegung scheidet die Arbeit am Bundesverfassungsgericht für mich aus. Wer möchte schon für einen Gleichstellungsgegner und CDU-Bundestagsabgeordneten arbeiten?

Zwar soll nun doch nicht der LGBTI-feindliche CDU-Politiker Günter Krings, zurzeit parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium von Horst Seehofer, Bundesverfassungsrichter werden. Das ist die gute Nachricht. Doch auch der designierte Ersatzmann, der CDU-Bundestagsabgeordnete Stephan Harbarth, ist ein erklärter Gegner einer Gleichstellung von Lesben und Schwulen, wenn auch gemäßigter im Ton.                                                          Quelle: Queer.de

Mit dem bayerischen Ministerpräsidentenposten wird es nach dem Wegzug in die Bundeshauptstadt vor sieben Jahren und vorausgeganger jahrerlanger kritischer journalistischer Hinterfragung der Regionalpolitik auch schwierig. Als kritischer Journalist hat man in Bayern durchaus Freund_innen bei der SPD und den Grünen. Wenn der Freistaat also in den nächsten Jahren doch noch weiter den für die CSU so schmerzhaften Weg der Öffnung zu einem Mehrparteienstaat bestreitet überlege ich mir das Vorhaben gern nochmal. Vor 60 nimmt dich in der bayerischen Politik eh keiner ernst.

Was bleibt ist die Erkenntnis das ich bereits den für mich schönsten Job der Welt habe. Wen wir im SchwuZ also tagtäglich daran arbeiten ein bunter, freier, vielfältiger Ort zu sein, wenn wir ringen um gemeinsame Fortschritte und queere Lebenswelten als selbstverständlichen Teil unserer Gesellschaft jeden Tag aufs neue unter Beweis stellen, dann sind wir damit den meisten Politiker_innen um Lichtjahre voraus.

„Hat eine „Null“ Bedeutung?“ fragte mich gestern Thomas Schützenberger auf Facebook und antwortete gleich selbst:

Ich denke ja und glaube, wenn man die Zeit Revue passieren lässt und sich fragt, ob man mit 20, 30 oder 40 im Leben glücklicher war, die realistische Antwort zumindest nicht eindeutig ist. Ich behaupte ganz frech: Willkommen in der besten Zeit deines Lebens! Herzlichen Glückwunsch! (…) Mit 40 hat man mehr „standing“, hat seinen Platz im Leben, ist sich seiner bewusst und sicherer – und hat genug Energie, Kraft und Flexibilität, um etwas zu verändern. Schau auf dein Leben zurück und schau dir die Gegenwart an: Wir sitzen weltweit betrachtet auf der „Insel der Glückseligen“ und du hast dazu persönlich und privat noch allen Grund glücklich zu sein – und dies hast du auch dir selbst zu verdanken. Also: Mundwinkel zu den Öhrchen, Zähnchen zeigen, lächeln. Das Leben liebt dich.

Quelle: Thomas Schützenberger

Und er hat sowas von recht. Es ist die bisher beste Zeit meines Lebens, von der ich einst nicht gedacht habe sie zu erreichen. Als ich in frühen Jahren HIV-positiv getestet wurde war mir nicht klar, dass ich diesen Geburtstag mal feiern werde. Die Zeit damals war geprägt vom „alten“ HIV, die Selbsthilfegruppe voll von Menschen die in ihrem Leben auf mehr Beerdigungen als Geburtstagen oder Hochzeiten waren. Aber ich habe in diesen Anfangsjahren und durch wunderbare engagierte Menschen auch gelernt wie wichtig eine Community ist, wie sehr jede einzelne Person einen  Anteil leisten kann das es anderen Menschen ein Stückchen besser geht, welche Kraft eine Ehrenamt haben kann.

Ich bin dankbar für all diese Erfahrungen, dafür dass mein journalistischer Sturkopf im Kampf gegen die Stigmatisierung von Menschen mit HIV und für die Rechte von drogengebrauchenden Menschen bis heute all den Anfeindungen, Kritiken und Vorwürfen standgehalten hat. Das der Einsatz für Menschen die kaum eine Lobby haben mehr Kritik, Häme und Vorwürfe bringt als Lob und dennoch ein einzelnes Gespräch und ein Dankeschön bei einem Einsatz für die Community dich für all das entschädigt.

Und ja, es waren Zeiten dabei in denen ich mich selbst an den Abgrund und in manchen Situationen gar einen Schritt weiter manövriert habe. Es gaben Phasen des Konsums da war der Tod näher als das Leben: Kontrollverluste gehören zu einem 40jährigen Leben genauso dazu wie die schönen Erlebnisse aus all der Zeit. Schlussenlich ist man die Summe all dieser Erfahrungen. Ich versuche heute so gut es geht anderen Menschen in ähnlichen Situationen zu helfen oder sie gar davor zu bewahren. Ohne all diesen Erfahrungsschatz wäre mein Engagement wahrscheinlich nur halb so gut.

Ich habe das große Glück mit Tom einen Partner an meiner Seite zu haben, der immer für mich da war und mit dem ich so manche Herausforderung gemeinsam angehen konnte – was für ein wunderbarer Mensch.

Grund genug also dem Spiegelbild zurück zu lächeln und es auch die nächsten 40 Jahre weiter zu rasieren. Das Leben ist gut zu mir.

Herzlichen Dank allen die mir gestern gratuliert haben, mich in den 40 Jahren begleitet, unterstützt, motiviert und kritisiert haben. Die 40 fühlt sich gut an.

Die Midlife-Crises muss noch etwas warten. Das Erwachsenwerden auch.

 

 

 

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