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Rausch und Reue


Soeben erschien das life+ Magazin für das ich im Nachgang der Positiven Begegnungen in Stuttgart einen Artikel verfassen durfte. Hier gibts zum Nachlesen meinen Beitrag mit dem Titel „Rausch und Reue“:

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Aktuell erschienen: Das life+ Magazin.
Herzausgeber: Deutsche AIDS-Hilfe

Rausch und Reue

Sex wie auch der Konsum von Drogen sind in der Gesellschaft immer noch tabuisiert und deshalb begleitet von Scham und Beschämung. Die Auswirkungen können einschneidend sein und sind vielen dennoch nicht bewusst.

Sex zu einer schmutzigen Sache zu machen, ist das Verbrechen unserer Zeit. Wir brauchen Liebe und Hingabe an uns, an Sex, denn Ficken ist ein Sakrament der Freude.“ Dieses Zitat des englischen Schriftstellers D. H. Lawrence ist zwar schon über 100 Jahre alt, doch es ist weiterhin gültig und bringt einen wichtigen Kern des Themenstrangs „Sex, Drugs und Safer Sex 3.0“ auf den Punkt: Der Mensch an sich ist ein verklemmtes Wesen – der eine mehr, die andere weniger –, und auch über 100 Jahre nach Entstehen des Zitats hat dessen Aussage nicht an Wahrheit verloren.

Entsprechend anregend und erhellend war es, sich im Rahmen der Positiven Begegnungen mit genau diesem Themenfeld zu beschäftigen. Menschen mit HIV wird oft ein besonders ausschweifendes Sexleben nachgesagt, sie werden teilweise sogar darauf reduziert. Aber ist das auch so? Oder ist das ganze viel weniger interessant als vermutet?

Fest steht: Sex ist in unserer Gesellschaft nach wie vor tabuisiert. Und auch der Gebrauch von Drogen, insbesondere der politisch festgelegten illegalen Substanzen, wird von einem Großteil unserer Gesellschaft sanktioniert. Umso spannender war eine von dem Psychiater und Mitarbeiter des Beratungsteams der Schwulenberatung Berlin Jan Großer geleitete Diskussion zu diesem Komplex. Spannend gerade auch, weil die Mehrzahl der Anwesenden Lust und Genuss an beiden tabuisierten Themen hatten: Sex und Drogen.

Das Gefühl der Scham begleitet uns durchs ganze Leben

Ich möchte an dieser Stelle nicht beurteilen, warum es vor allem Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) sind, die scheinbar eine besondere Affinität zu bewusstseinsverändernden Substanzen haben. Für mich selbst aber habe ich, was meine eigenen bisherigen Konsummuster angeht, auf der diesjährigen PoBe eine Antwort auf eine Frage gefunden, die ich mir bislang noch gar nicht gestellt hatte.

Scham und Beschämung sind seit diesem PoBe-Workshop die zentralen Begriffe, wenn ich für mich selbst ehrlich nach Erklärungen für mein Konsumverhalten suche. Ich habe gelernt, dass Scham bereits ab dem zweiten Lebensjahr und somit ab dem Bewusstwerden der eigenen Individualität in unser Leben rückt. Ab diesem Moment begleitet uns die Scham unser Leben lang. Ob wir beim Unterricht ohne Hausaufgaben oder bei der Fahrkartenkontrolle ohne Ticket erwischt werden – oder eben unsere sexuellen Bedürfnisse ausleben: die Scham begleitet uns. Dabei ist sie ein natürlicher und wichtiger Wert und schützt die Grenzen der Intimität – sowohl die eigenen, als auch die der anderen. Sie hindert uns, im Tagebuch der eigenen Kinder zu lesen oder das Handy des Partners zu durchstöbern. Wir würden uns im Normalfall dafür schämen– vor uns selbst.

Ganz anders die Beschämung. Sie erfolgt von außen, kann in Form von Demütigung, Ausgrenzung oder Verletzung von Grundbedürfnissen, wie Anerkennung, Schutz oder Zugehörigkeit über uns hereinbrechen. Beides – Scham und Beschämung – hemmt unser freies Sexualleben ungemein. Mehr und mehr werden eigene Bedürfnisse, die der Befriedigung dienen, aufgrund dieser beider Faktoren zurückgestellt. Angeregt durch die Gruppendiskussion stellte ich mir selbst die Frage: Wie sehr sorgt der Konsum von Drogen in meinem eigenen Sexualleben dafür, das Gefühl von Scham und Beschämung zu verdecken?

Frei sein von Hemmungen, Scham und moralischen Zwängen

Hemmungen fallen zu lassen, sich frei zu fühlen, die Alltagsperson hinter sich zu lassen – all das kann eine Rolle im Konsumverhalten spielen. Drogen können zu einer solchen frei gelebten Sexualität ebenso einen Beitrag leisten wie sogenannte „karnevalistische Räume“. Räume, die nach eigenen Regeln und Ritualen funktionieren, in denen übliche Regeln und Moralvorstellungen nicht gelten und für deren Nutzer_innen sie gleichermaßen Fantasie- und Schutzraum darstellen und einen Ausbruch aus der Realität ermöglichen. Ob Sexclub, Mottopartys oder das heimische Spielzimmer; ob wir mit dem Anlegen von Fetischkleidung oder durch die Einnahme von Drogen in eine andere Welt springen, der Effekt ist der gleiche: Wir klinken uns für eine Zeit aus einer Welt aus, die voller Diskriminierung und Stigmatisierung, voller Ratschläge und Belehrungen darüber ist, was richtig, was falsch, was gut und böse ist.

Chemsex-Partys erfüllen gleich mehrere Bedürfnisse

Diese Distanz vom Alltag, ganz gleichgültig, ob sie durch bestimmte Kleidung, Orte, Rituale oder Drogen erreicht wird, kann wunderbar für unser Sexualleben sein. Denn sie gestattet uns, schamlos zu sein und kann helfen, Hemmungen zu überwinden und die Scham wie die Beschämung auszublenden. Das trifft im besonderen Maße zu, wenn für die Erfüllung der eigenen sexuellen Bedürfnisse hohe (äußerliche) Anforderungen gestellt werden. Immer wieder deutlich zu erleben ist das innerhalb der MSM-Community und den Möglichkeiten der neuen digitalen Medien: Welche Form von Männlichkeit, Fitness und Körperlichkeit etwa muss ich bei Dating-Plattformen wie Planetromeo, GrindR und Scruff aufbieten, um beim Online-Cruising nicht gleich durchs Raster zu fallen und gar nicht erst gesehen zu werden?

In der Summe wundert es da nicht, dass der Chemsex, also Sex in Verbindung mit bestimmten Drogen, in der schwulen Community viele User so nachhaltig erfüllt. Lustgewinn, Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, Enthemmung und karnevalistischer Raum in einem – wer kann da noch der Chemsex-Party widerstehen, die all diese Anforderungen im Kern vereint?

Scham und Beschämung sind der Anfang eines Strudels, in dem manche weiter oben und manche weiter unten mitschwimmen. Für mich war der PoBe-Workshop eine tiefgreifende Erfahrung – fast so schön wie ein ordentlicher Rausch.

Florian Winkler-Ohm ist HIV-Aktivist und engagiert sich ehrenamtlich für Hilfsangebote zugunsten drogengebrauchender Menschen. Er hält Vorträge im Bereich „Drugs & Harm Reduction“ in Aidshilfen, Schulen, Gesundheitsämter und für die Pharmaindustrie.

Nächster Termin: 29. Januar IDEA Pharma, London

Allgemein

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Ich bin HIV-Aktivist & Journalist, selbst HIV-positiv und ein optimistischer Kämpfer und Berichterstatter in diesem Bereich. Mir ist wichtig mein persönliches Bild von der Infektion und der guten Therapie zu vermitteln - auch weil zur Bekämpfung von Stigmatisierung HIV-Positiver ein neuer, zeitgerechter Blick der Gesellschaft auf das Virus von Nöten ist. Ich engagiere mich für Menschen mit HIV, deren Lebenswelten und Nöten. Meine Zukunft ist positiv. So und so.

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