Die HIV-Dinos kommen – Älter werden mit dem Virus


Sehen wir der unausweichlichen Wahrheit ins Gesicht – ich werde alt. Mit HIV. Und mit mir die meisten der Menschen, die das „Glück“ hatten sich nach dem Jahr 1995 hierzulande zu infizieren und damit den Zugang zu den neuen hochwirksamen Medikamenten zu erhalten.

Wir werden zu den Dinosaurier einer HIV-Generation, die gelernt hat mit dem Virus zu leben und die in den nächsten Jahren mehr und mehr abgelöst wird von einer HIV-freien Generation. Der Erfolg: Unser Schutz durch Therapie verhindert derzeit weitere Ansteckungen, zudem bezahlen die Krankenkassen inzwischen die PrEP – den medizinischen Schutz vor einer HIV-Infektion.

Dazu kommen umfangreiche Präventionskampagnen für die unterschiedlichsten Zielgruppen und zuletzt das Kondom, dass nach wir vor bei vielen Menschen die Schutzmaßnahme Nummer 1 vor HIV ist.

Alles zusammen: So wirksam, so beliebt, dass wir in den nächsten Jahren einen deutlichen Rückgang bei Neuinfektionen in Deutschland erwarten dürfen. Zeit zum Feiern und ausruhen?

Nein, denn fest steht: Damit wird meine Generation hierzulande mit hoher Wahrscheinlichkeit eine der letzten sein, die mit HIV alt wird und damit mit so einigen altersbedingten Begleiterscheinungen kämpfen muss, die ein Leben in Dauermedikation mitbringt.

Dabei die Grenzen zu ziehen, welche Verschleißerscheinungen auf HIV und welche auf das Konto des natürlichen Alterns zu verbuchen sind, ist gar nicht so einfach.

Viel wichtiger ist es also, dass sich meine Generation , die HIV-Dinos, bereits jetzt darauf einstellt, mit dem Virus alt zu werden und dennoch das Wohlbefinden behält.

Genau um diesen Punkt dreht sich seit zwei Tagen der Kongress „HIV and your BODY“ in Amsterdam zu dem das Pharmaunternehmen Gilead über 200 Menschen aus dem HIV-Bereich eingeladen hat.

Es geht um die vierte „90“. Zur Erklärung: UNAIDS hat vor Jahren das 90-90-90-Ziel aufgerufen

  • 90 Prozent der Menschen sollen von ihrer HIV-Infektion wissen
  • 90 Prozent davon Medikamente erhalten und
  • 90 Prozent davon unter der Nachweisgrenze sein,

dem Status bei dem auch das Virus nicht mehr an andere weitergegeben werden kann. International soll dieses Ziel in den nächsten Jahren erreicht werden, in sogenannten Fast-Track-Citys – wie beispielsweise Berlin – noch früher.

Daher wird es jetzt höchste Zeit über eine vierte „90“ zu sprechen.

Hierbei geht es darum, dass 90 Prozent der Menschen die unter der Nachweisgrenze sind auch Wohlbefinden im Alltag verspüren.

Eine Herkulesaufgabe, die auch relativ schwer greifbar ist und dennoch mit all unserer Kraft umgehend angegangen werden muss – insbesondere in einer immer älter werdenden Gesellschaft, die uns – HIV-Dinosaurier- beinhaltet.

Je mehr die HIV-Rate durch die medizinischen und präventionsbedingten Fortschritte nach unten gedrückt wird, je schwieriger wird es auch für Organisationen aus dem HIV-Bereich zu überleben.

Dabei werden viele genau dieser Organisationen gerade in Zukunft gebraucht – um „Wohlbefinden“ in einer älter werdenden Gesellschaft mit HIV-Dinos zu gewährleisten.

Legen wir also los und reden darüber: Welche Bedürfnisse haben ältere Menschen mit HIV – physisch und psychisch? Wie gelingt die Unterscheidung spezieller HIV-bedingter Einschränkungen von gewöhnlichen Alters-Wehwehchen? Welche Anforderungen und Qualifizierungen brauchen medizinisches und pflegendes Personal? Und allen voran, wie gehen wir selbst mit der Tatsache um – gemeinsam mit dem Virus – alt zu werden?

Lasst uns in die HIV-Dinos und ihrer speziellen Bedürfnisse im Alter investieren, denn eines steht jetzt schon fest: sie werden aussterben.

Allgemein

flosithiv View All →

Ich bin HIV-Aktivist & Journalist, selbst HIV-positiv und ein optimistischer Kämpfer und Berichterstatter in diesem Bereich. Mir ist wichtig mein persönliches Bild von der Infektion und der guten Therapie zu vermitteln - auch weil zur Bekämpfung von Stigmatisierung HIV-Positiver ein neuer, zeitgerechter Blick der Gesellschaft auf das Virus von Nöten ist. Ich engagiere mich für Menschen mit HIV, deren Lebenswelten und Nöten. Meine Zukunft ist positiv. So und so.

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